In Feuerbachs Schrift Vorläufige Thesen zur Reformation der Philosophie ist ein Doppelcharakter erkennbar, denn wie der Titel bereits ankündigt, geht es darum, mittels kritischer Reflexion der bisherigen Philosophie zu einer neuen Philosophie zu gelangen (‚Reformation‘). Inwiefern Feuerbach die bisherige spekulative Philosophie als Theologie bezeichnen kann und warum diese Theologie durch die neue Philosophie überwunden werden kann, aber dennoch die Wahrheit des Christentums enthalten kann, darum soll es im Folgenden gehen.
Für Feuerbach ist das Absolute oder Unendliche in der spekulativen Philosophie als Theologie das Unbestimmte. Es ist gesetzt als Abstraktion von allem Bestimmten. Feuerbach wendet sich von der Kritik der spekulativen Philosophie insgesamt auch direkt gegen Hegel: Bei Hegel komme es durch Abstraktionsakte zur Entfremdung des Menschen von sich selbst. Den Mangel bei Hegel beschreibt Feuerbach demnach als unmittelbare Einheit, Gewissheit und Wahrheit. Die Hegelsche Logik sei zudem eine zur Logik gemachte Theologie. Gleichsam wie in der Theologie alles zweimal, einmal „in abstracto“ und einmal „in concreto“ (245-246) auftrete, findet sich bei Hegel alles sowohl als Objekt der Logik und als Objekt der Naturphilosophie. Außerdem kritisiert Feuerbach das Wesen der Theologie und auch der Hegelschen Philosophie: Obwohl er für die Theologie das Wesen des Menschen ausmacht und für die Logik Hegels das Denken des Menschen, sind bei beiden dieses Wesen und Denken außerhalb des Menschen gesetzt, also transzendent. Feuerbach deutet die Philosophie des Absoluten anthropologisch: Im absoluten Geist Hegels sei das christliche Gottesbild erkennbar.
Nun hat die Kritik, wie oben bemerkt, auch eine positive Zielrichtung: Feuerbach geht es um Unmittelbarkeit und „Sinnlichkeit“, denn der Ausgang bildet bei ihm der Mensch. An die Stelle der abstrakten oder scholastischen Qualität trete in der neuen Philosophie nichts als „der [denkende, bestimmte] Mensch, der ist und sich weiß als die wirkliche absolute Identität aller Gegensätze“ (259-260). Zum Kopf (Quelle der Aktivität) als Spezifikum der deutschen Metaphysik muss also das Herz (Quelle des passiven Leidens) hinzukommen, um die wesentlichen Werkzeuge der Philosophie zu erhalten. Das antischolastische Prinzip in uns bezeichnet Feuerbach als (französischen) Sensualismus oder auch Materialismus. Am Anfang der Philosophie steht das Endliche, unmittelbar Gewisse und das passive Empfangen von Sinneswahrnehmungen.

Dieser anthropologische Materialismus wird trotz seiner akzentuierten Unmittelbarkeit, dennoch gerade hierin kritisiert: Marx‘ Schrift Thesen über Feuerbach spricht sich deutlich für eine notwendige Praxisorientierung in der Philosophie aus, denn es komme darauf an, „die Welt […] zu verändern“ (11. These). Im Gegensatz dazu ist der Materialismus, der von Feuerbach betrieben wird bloß anschauender Materialismus. Obwohl die Anschauung für Feuerbach ja gerade den gewollten Gegensatz zum abstrakten Denken der Metaphysik darstellt, möchte Marx die Sinnlichkeit als praktische menschlich-sinnliche Tätigkeit verstanden wissen. Gleich in seiner ersten These betont er deshalb die gegenständliche Tätigkeit (Praxis), die mit Produktion gleichzusetzten ist. An die Stelle des absoluten Geistes als Prinzip, aus dem alles ist, tritt bei Marx das Produktionsverhältnis.
Der negativ beurteilten scholastischen Qualität, der akademischen Dimension also, steht bei Marx die politisch-praktische Dimension gegenüber. Die Praxis wird zudem als revolutionär beschrieben, da sie sonst in einer Reproduktion gefangen bleibe. Marx glaubt an die Veränderung durch eine soziale Revolution, deren Grundlage eine Kollektividentität darstellt. Dazu müsse die „irdische Familie“, gemeint ist die individuale Familie, ihrer Nichtigkeit überführt werden (Selbstvernichtung; vgl. 4. These). Den Resten des idealistischen Idealismus bei Feuerbach, stellt Marx die These gegenüber, dass das menschliche Wesen ein „Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse“ sei (6. These). Der Mensch wird also durch produktive Tätigkeit (Arbeit) zum gesellschaftlichen Wesen. Das gesellschaftliche Leben wiederum ist das Ergebnis der menschlichen Praxis.
Da Feuerbach den kollektiven Charakter des Menschen verkennt, müsse er a-historisch vorgehen, das „religiöse Gemüt“ (6. und 7. These) und ein natürlich menschliches Individuum annehmen. Marx kritisiert dabei die biologische Konnotation (im Gegensatz zur politischen Universalität) und die von der Gesellschaftsform losgelöste Beschreibung des Menschen, dem dabei kein integratives Potential zukommen kann. Nur durch einen revolutionären Prozess ist das Ziel Marx‘ zu erreichen: eine menschlichen Gesellschaft oder gesellschaftlichen Menschheit.
Bild via SADTU Political Education Blog.