
Im Folgenden soll mit Hilfe der Vorrede zur zweiten Auflage zu Kants ‚Kritik der reinen Vernunft‘ die Frage nach den Grenzen der Vernunft im Zentrum stehen. Indem man nämlich das Wort Kritik im wörtlichen Sinnals Unterscheidung (ursprünglich griechisch: κριτική [τέχνη], kritikē [téchnē], abgeleitet von κρίνειν krínein, „[unter-]scheiden, trennen“) betrachtet, kann man den Titel ein programmatisches Moment abgewinnen. Wie bereits angedeutet lautet daher die zentrale Frage: Was kann die Vernunft leisten? In Reaktion auf Hume, der beispielsweise von einer Nichtexistenz von Kausalität ausgeht, ist diese Frage bei Kant ebenso verbunden mit der Frage nach der Möglichkeit von synthetischen Urteilen apriori. Diese Frage ist zudem als Grundproblem der Metaphysik zu fassen.
Zunächst möchte Kant die Metaphysik als Wissenschaft etablieren und möchte sie daher an den Naturwissenschaften orientiert sehen. Den natürlichen Gang einer Wissenschaft beschreibt Kant als vorwärtsgewandt. Für die Logik gelte dies seit Aristoteles; für die Mathematik seit der griechischen Antike. Diese kam durch eine „Revolution der Denkart“ zustande, die auf der Erkenntnis basiert, dass die Gesetzmäßigkeit eines geometrischen Gebildes durch Konstruktion in das Gebilde eingebracht wird. Mit konstruieren meint Kant, dass man die einem Begriff korrespondierende Anschauung a priori darstellt. Eine reine Analyse der Begriffe genügt daher nicht, wie zuvor geglaubt.
Die Physik erlebte ihre Revolution durch Experimente in der Natur; diese sind von Kant von sehr hoher Bedeutung, da man die Natur nötigt, auf die Fragen der menschlichen Vernunft zu antworten.
Kant beschreibt in einem zweiten Abschnitt die Metaphysik als Kampfplatz, als willkürliches „Herumtappen“ also. Einerseits möchte Kant nun eine „alte“ Ambition der Metaphysik übernehmen, nämlich die Beschäftigung mit Nicht-Empirischem; andererseits macht er in der Vorrede die Annahme, dass sich die Dinge nach unserer apriorischen Struktur unseres Erkenntnisvermögens richten. Diese Hypothese erinnert strukturell an eine Umorientierung der Weltsicht nach Art des Kopernikus und wird daher auch als „Kopernikanische Wende“ bezeichnet.
Sie bringt in der theoretischen Philosophie die Unterscheidung aller Dinge in Erscheinungen, die wir mit der Anschauung und den apriorischen Momenten von Sinnlichkeit und Verstand (also mit Anschauungsformen und Begriffen) erfahren können, und in Dinge an sich mit sich.
Daraus wird deutlich, dass Begriffe (Verstand) und Anschauungen (Sinnlichkeit) beide notwendig sind, um Erkenntnis möglich zu machen. Es entsteht daher die Wissenschaft der transzendentalen Ästhetik und die der Logik. Raum und Zeit sind für Kant die apriorischen Formen der Anschauung (= Sinnlichkeit).
Durch die Unterscheidung von Erscheinung und Ding an sich bleibt aber ein Bereich reiner Verstandesbegriff. Dieser ermöglicht die Idee der Freiheit und damit der Moral. Gott, Freiheit und Unsterblichkeit der Seele können gedacht werden, weil die theoretische Vernunft ja die Dinge an sich nicht erfassen kann. Vernünftige Gedanken von Gott, der Welt und der Seele des Menschen, wie sie die herrschende Metaphysik des Zeitalters zu entwickeln versucht hatte, überschreiten daher die Erkenntnisgrenzen, die der menschlichen Vernunft gesetzt sind.
Die Kritik Kants gilt daher den Irrtümern der bisherigen Metaphysik (B XXX).
Zusammenfassend kann man also sagen, dass die Kopernikanische Wende die Reform der Metaphysik mit sich bringt, dergestalt, dass sie nun als Wissenschaft vom gesicherten Wissen über die Erfahrung (Natur, Erfahrung, Dinge in Raum und Zeit) begriffen werden kann. Sie führte zur Verbindung der Standpunkte des transzendentalem Idealismus und des empirischem Realismus.
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